„Die Sünderin“ / „Elisaveta Bam“
theater en miniature – Ellen Heese & Andrej Uri Garin (Joukov)
Die Inszenierung „Die Sünderin“ nach Daniil Charms’ Groteske „Elisaveta Bam“ wurde über viele Jahre hinweg an Theatern, Festivals und Kulturorten im deutschsprachigen Raum gezeigt und vielfach besprochen. Dabei ergibt sich in der Presse ein bemerkenswert einheitliches Bild: Im Zentrum steht weniger die Handlung als die außergewöhnliche theatrale Form – eine Miniaturbühne, auf der sich Theatergeschichte und das innere Leben des Theaters zugleich entfalten.
Bereits zur Premiere im Dock 4 in Kassel hob die HNA Kassel hervor, dass hier „mit kleinen Gegenständen ganz großartige Dinge“ vollbracht werden. Die Inszenierung wurde als „ironisch-skurrile Reise durch die verschiedenen Formen des Theaters“ beschrieben, in der ein Grundthema – die Angst der Heldin vor einer unbekannten Bedrohung – in zahlreichen Genres durchgespielt wird.
Auch die Fachzeitschrift Puppen, Menschen & Objekte (VDP) betonte die konzeptionelle Anlage der Arbeit als „Reise durch die verschiedenen Formen des Theaters“ und würdigte den „hintergründigen, feinsinnigen und manchmal auch unsinnigen Humor“.
Ein wiederkehrendes Motiv der Kritik ist die besondere Qualität der Bühne selbst: In der Neue Westfälische wird sie als „grandioser Bühnenbau in Miniaturform“ und als „liebevoll zurechtgemachte Theaterwelt“ beschrieben, die trotz ihrer Kleinheit eine „faszinierende Größenwirkung“ entfaltet. Gleichzeitig wird die Struktur des Stückes als „zersplittertes, fragmentarisches Gerüst“ charakterisiert.
Ähnlich beschreibt die Braunschweiger Zeitung die Inszenierung als „ästhetisches Vergnügen der besonderen Art“ und hebt hervor, dass der Darsteller das Publikum „auf eine ironisch-skurrile Reise durch die verschiedenen Formen des Theaters“ führt. Dabei wird deutlich, dass die eigentliche Wirkung nicht aus der Geschichte, sondern aus ihrer Erscheinungsweise entsteht.
In der HNA Kassel wird dieser Eindruck weiter vertieft: Der Zuschauer könne „in eine phantastische Welt eintauchen, in der die Dimensionen verschoben sind“ und in der sich eine „eigentümliche Poesie der kleinen Formen“ entfaltet. Gleichzeitig wird die außergewöhnliche Vielseitigkeit des Darstellers betont, der als Puppenspieler, Schauspieler, Dirigent und Techniker zugleich agiert.
Auch spätere Kritiken greifen diese Wahrnehmung auf. So beschreibt die Westfälische Zeitung (WV) die Aufführung als „vergnügliche Darbietung“, die trotz „nicht immer ganz nachvollziehbarer Dialoge“ durch die Virtuosität des Spielers getragen wird, der „durch die Wirrungen der Geschehnisse führt“.
Die Fachkritik spricht darüber hinaus von einer spezifischen Zuschauererfahrung: In der HNA heißt es, der Zuschauer fühle sich „wie Gulliver“ – ein Bild, das die Verschiebung der Maßstäbe und die besondere Wahrnehmungssituation der Miniaturbühne prägnant beschreibt.
Neben der positiven Resonanz wird vereinzelt auch auf die Herausforderung der Inszenierung hingewiesen. Die Pforzheimer Zeitung spricht von „kryptischen Andeutungen und traumartigen Assoziationen“, betont jedoch zugleich die „großen Möglichkeiten der kleinen Bühne“ und die darstellerische Intensität, die den Abend trägt.
Insgesamt zeichnet sich in der Rezeption ein klares Bild ab: Die Inszenierung wird als eine Art „Theater im Theater“ verstanden – als Versuch, unterschiedliche theatrale Ausdrucksweisen sichtbar zu machen und miteinander in Beziehung zu setzen. Die Handlung tritt dabei bewusst in den Hintergrund zugunsten einer Erfahrung von Form, Rhythmus und innerer Bewegung.
Mit der neueren Fassung „Elisaveta Bam“, wie sie etwa 2023 im Kulturfenster Heidelberg gezeigt wurde, verschiebt sich der Fokus nochmals. Die Rhein-Neckar-Zeitung (RNZ) beschreibt den Abend explizit als Untersuchung des Theaters selbst: „Hier geht es nicht nur um ‚Elisaveta Bam‘, sondern um Theater selbst“.
Schauspieler und Schauspielerin erscheinen als sichtbare Träger des Bühnengeschehens, die Rollen wechseln, Abläufe offenlegen und damit das verborgene innere Leben des Theaters freilegen.
Die Szenen erscheinen nun nicht mehr nur als Genrevariationen, sondern als bewusste Setzungen: „Die Szenen folgen einander als Stilübungen“, Übergänge werden markiert, theatrale Prozesse sichtbar gemacht. Das Theater zeigt sich nicht mehr als Illusion, sondern als lebendiger Vorgang – als etwas, das entsteht, sich verwandelt und zugleich beobachtet wird.
So lässt sich über alle Kritiken hinweg eine Entwicklung nachvollziehen:
von der Wahrnehmung einer virtuosen, spielerischen Miniaturbühne hin zu einer Inszenierung, die das innere Leben des Theaters selbst zum Gegenstand macht.
Hier wird nicht einfach ein Stück gespielt – hier wird Theater sichtbar, fühlbar und in seinem Kern erfahrbar gemacht.